Qwert, p.27

Qwert, page 27

 

Qwert
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  Von weitem ertönte ein schriller Pfiff. Dann noch einer und noch einer. Und eine weitere, fast melodische Abfolge von Pfeiflauten, die wie eine Botschaft klangen. Sie stammten, das wusste Qwert inzwischen, von der Vorhut ihrer Karawane, die das Terrain erkunden und vor Überraschungen aller Art warnen sollte.

  Der Eiserne Ritter horchte kurz auf, dann sackte er wieder in sich zusammen. »Na großartig!«, sagte er und seufzte. »Kamelianer! Die haben mir gerade noch gefehlt.«

  »Kamelianer?«, fragte Qwert alarmiert. »Ist das was Schlimmes? Droht Gefahr?«

  Oyo legte die Hand an sein Kurzschwert.

  »Nein, nein …«, wiegelte der Eiserne Ritter ab. »Die sind eigentlich ganz in Ordnung. Sie können nur manchmal etwas … äh … anstrengend sein.«

  Er gab ein paar Befehle auf Rostgnomisch an seine Leibgarde und stieß ein paar schrille Pfiffe als Antwort für seine Vorhut aus. Dann wandte er sich wieder Qwert und Oyo zu.

  »Kamelianer …«, sagte er und seufzte noch einmal. »Wie soll ich sie beschreiben? Ohne diskriminierend oder beleidigend zu werden? Das ist gar nicht so einfach, denn sie sind verdammt schnell beleidigt.« Er überlegte. »Vielleicht so: Sie sind die Hüter der Blutroten Wüste. Sie sind Nomaden und eigentlich ein friedfertiges Völkchen – wenn man sie respektiert und nicht reizt. Und nicht beleidigt! Sie zählen zu unseren loyalen Verbündeten, und sie haben einen sehr strengen Ehrenkodex.« Er holte tief Luft. »Aber«, fuhr er fort, »sie können einem auch manchmal ziemlich auf die Nerven gehen! Dreiundzwanzig. Mit ihren ewigen Ritualen. Und ihrer Streitkultur! Mit ihren irrational strengen Glaubenssätzen. Mit ihrem Schachfimmel. Und mit ihrer Sandfresserei. Vierundachtzig! Wir müssen leider durch ihr Stammesgebiet, und deswegen werden sie uns ihre notorische Gastfreundschaft aufdrängen, auf die sie sich so viel einbilden. Ihr solltet darauf vorbereitet sein, ihren Sand essen und euch ein paar Vorträge über den Einsamen Denker anhören zu müssen. Neunundsechzig. Das dürft ihr auf keinen Fall ablehnen! Sonst sind sie tödlich beleidigt. Spielt einer von euch beiden Schach?«

  Qwert und Oyo schüttelten den Kopf. »Nein«, antworteten sie gleichzeitig.

  »Dann seid froh! So bleiben euch Demütigungen erspart. Die Kamelianer beherrschen als einziges Wüstenvolk die Kunst, Teppiche zu knüpfen, die fliegen können. Aber sie nutzen sie selbst nur sehr selten als Transportmittel und betreiben keinen Handel damit. Sie betrachten ihre Teppiche wie geliebte Haustiere und halten sie für heilig. Kommt bloß nie auf die Idee, einen fliegenden Teppich zu betreten oder gar damit zu fliegen!«

  Qwert und Oyo nickten heftig.

  »Und eines noch: Die Kamelianer stammen höchstwahrscheinlich von den Dromedaren dieser Gegend ab, aber sie leugnen diese Verwandtschaftsbeziehung leidenschaftlich. Also macht in der Gegenwart von Kamelianern niemals Anspielungen auf Kamele! Nicht mal auf Trampeltiere! Am besten auf gar keine Wiederkäuer oder Paarhufer! Dann seid ihr auf der sicheren Seite. Achtunddreißig!«

  Bevor Qwert noch mehr Fragen stellen konnte, gab der Eiserne Ritter weitere Befehle an seine Gnome, die daraufhin die Bewachung der Medusen­kutsche verstärkten und ihre Marschformation veränderten.

  »Wer auch immer diese Kamelianer sein mögen«, sagte Qwert zu Oyo, »die Rostigen Gnome scheinen auf jeden Fall einen Mordsrespekt vor ihnen zu haben. Kennst du diese Typen?«

  »Nur vom Hörensagen«, antwortete Oyo. »In dieser abgelegenen Gegend war ich noch nie. Und Prinz Kaltbluth meines Wissens auch nicht.«

  »Das ist gut. Dann kann ich zumindest darauf hoffen, dass keiner von ihnen ein Hühnchen mit mir zu rupfen hat. Das könnte ich momentan nämlich gar nicht gebrauchen. Ein Duell oder einen Buhurt oder sowas in dieser Bullenhitze – das fehlte mir gerade noch.«

  Schon bald tauchte am Horizont eine imposante Zeltstadt auf, die nicht nur in dieser verlassenen Gegend, sondern wohl überall Aufmerksamkeit erregt hätte. Qwert hatte noch nie eine Nomadenstadt gesehen und sie sich wesentlich uninteressanter und schlichter vorgestellt. Diese hier wirkte aber trotz der Einfachheit der verwendeten Materialien – grob gewebte Tücher, Holzstöcke, Stricke und eine Art Stroh – wie eine Mischung aus wehrhaftem Heerlager und Wanderzirkus. Es schienen hunderte von unterschiedlich großen Zelten zu sein, viele davon aus Leinentuch in zahllosen Rottönen, die von Kakteen eingefriedet waren. Überall wehten rote Fahnen und Banner im Wüstenwind, und aus den meisten Zelten ragten Windtürme aus Holz empor, die wie bizarre Kaminschlote aussahen und wahrscheinlich für die Luftzirkulation in den Zelten sorgten. Die fliegenden Teppiche, von denen der Eiserne Ritter gesprochen hatte, waren tatsächlich allgegenwärtig. Es gab sie in allen Größen und mit vielfältigen abstrakten Mustern in geschmackvollen Farbkombinationen. Manche flogen hoch über der Stadt, andere flatterten zwischen den Zelten umher wie exotische Vögel. Sie hockten auf Zeltkuppeln und Kakteen oder segelten weit draußen in der Wüste herum. Qwert erinnerten sie einerseits an die Tauben, Möwen oder Geier in Großstädten, aber auch an die fliegenden Teppiche in seiner ursprünglichen Heimat, der 2364. Dimension, in der die Teppichwebkunst in höchsten Ehren gehalten wurde.

  »Ein Volk, das über eine derartig hochentwickelte Teppichkultur verfügt, kann nicht ganz verkehrt sein«, sagte er zu Oyo. »Diese Kamelianer sind mir jetzt schon irgendwie sympathisch.«

  »Woran sieht man denn, ob ein Teppich ein fliegender Teppich ist oder ein normaler, wenn er irgendwo rumliegt?«, fragte Oyo. »Ich will nur nichts falsch machen und nicht versehentlich auf einen drauflatschen.«

  Die ersten Kamelianer, die ihnen in Form einer zwölfköpfigen Delegation entgegenkamen, sahen tatsächlich aus wie Lastentiere aus Wüstenregio­nen, die einen Entwicklungssprung zum aufrechten Gang vollzogen hatten. Sie waren in das gleiche luftdurchlässige Leinen in Rottönen gekleidet, aus dem auch ihre Zelte und Fahnen bestanden. Ihre muskulösen Beine, die einen extrem belastbaren Eindruck machten, liefen in zwei große, krallenbewehrte Zehen aus. Ihre Oberkörper und ihre angewinkelten Ärmchen wirkten dagegen eher unterentwickelt, so ähnlich wie bei gewissen aufrecht gehenden Dinosauriern. Statt eines geraden Rückens besaßen sie einen Buckel oder Höcker, auf dem jeder von ihnen eine Last trug. Da war mindestens ein randvoll gefüllter Korb, meistens aber noch wesentlich mehr: hochgetürmte Stapel aus Hausrat, ­Stoffballen, Teppichen, Werkzeugen oder Waffen. Der Kopf saß bei den Kamelianern auf einem langen, dicken Hals, der so kräftig war wie der eines Pferdes. Ihr Gesichtsschnitt erinnerte Qwert – obwohl er diese Assoziation umgehend zu unterdrücken versuchte – tatsächlich an Dromedare. Jeder Kamelianer trug ein elegant gewickeltes Kopftuch aus blutrotem Leinen oder einen extra­vaganten Turban oder beides, dazu wunderschönen ­Kettenschmuck und prachtvolle Ohrringe, die im Sonnenlicht funkelten. Hätte Qwert seine Beschreibung so kurz wie möglich zusammenfassen müssen, dann etwa so: Die Kamelianer sehen aus wie aufrecht gehende, stolze und sehr geschmackvoll gekleidete Dromedare. Aber das hätte er natürlich niemals zu sagen gewagt.

  Ihre Fähigkeit, in dieser aufrechten Haltung und bei größter Hitze enorme Lasten über lange Wegstrecken zu transportieren, war legendär. Das war auch der Grund dafür, dass ihre Dienste als Führer, Begleiter, Fährtensucher und Lastenträger von Karawanen sehr begehrt waren. Der Eiserne Ritter wies wiederholt darauf hin, dass ihre Gastfreundschaft mindestens ebenso legendär sei. Sie ging angeblich so weit, dass jedem Fremden in ihren Zelten Kost und Logis gewährt wird, solange er sie beansprucht, und zwar, ohne ihn jemals nach seiner Herkunft zu fragen. Dies war, wie Qwert fand, ein Niveau von Gastfreundschaft, das an Märtyrertum grenzte.

  »Dieses entbehrungsgewohnte und genügsame nomadisierende Volk«, erklärte der Eiserne Ritter abschließend, »kann nicht nur tagelang in glühender Sonne marschieren, ohne zu pausieren, es steht darüber hinaus in dem Ruf, überdurchschnittlich intelligent und an philosophischem Disput, Kriegskunst und komplizierten Brettspielen interessiert zu sein.«

  Dann war es so weit. Der Anführer der Kamelianer, der mehrere Seidenschals in verschiedenen Rottönen um den Hals geschlungen hatte, und der Eiserne Ritter begegneten sich. Qwert beobachtete den Austausch von rituellen Gesten und Handlungen, die ihn ein wenig befremdeten. Die beiden stießen Laute aus, die Qwert einstudiert vorkamen. Der Eiserne Ritter ließ ein langgezogenes melodiöses Pfeifen ertönen, der Kamelianer antwortete mit einem gutturalen Kehllaut, der Qwert an das Röhren eines brünftigen Hirschen erinnerte. Dann tänzelte der Kamelianer eine Weile auf der Stelle im Kreis, während der Eiserne Ritter seinen Kopf rotieren ließ und ein paar Dampfstrahlen absonderte. Abschließend bewarfen sie sich gegenseitig mit rotem Sand und lachten dabei auf affektierte Weise.

  Schließlich eskortierte der Anführer der Kamelianer eine Delegation, die aus dem Eisernen Ritter, Qwert und Oyo sowie drei Rostigen Gnomen bestand, in die Zeltstadt hinein. Dort herrschte große Betriebsamkeit. Überall waren Kamelianer mit unterschiedlichsten Dingen beschäftigt, als ob sie sich auf ein Fest oder auf einen Wettkampf oder irgendein anderes großes Ereignis vorbereiteten.

  Einige waren dabei, lange Lanzen aus Holz zu schnitzen, andere schmie­deten oder schärften ihre Krummsäbel und Dolche. Den hereinkommenden Gästen schenkten sie, wie Qwert bemerkte, erstaunlich wenig Aufmerk­samkeit.

  »Das scheint ein stolzes und schwer zu beeindruckendes Völkchen zu sein«, teilte Qwert Oyo mit, während sie staunend durch das Gewusel der Zeltstadt schritten.

  »Mir gefallen ihre Krummsäbel«, antwortete der Knappe. »So einen hätte ich gern.«

  Das Oberhaupt der Kamelianer bat die Delegation in das geräumige Hauptzelt, das für solche Anlässe geschaffen zu sein schien. Darin erwartete sie eine gepflegte Atmosphäre. Überall lagen große und kunstvoll gewebte Teppiche mit wundervollen Ornamenten, und es herrschte eine überraschend kühle Temperatur, die Qwert als erlösend empfand.

  »Sind das, äh, fliegende …?«, begann Oyo seine vorsichtige Frage, aber der Kamelianer unterbrach ihn gleich.

  »Nein, nein«, sagte er und winkte lachend ab. »In unseren Zelten benutzen wir nur nichtfliegende Teppiche.« Oyo setzte erleichtert seinen Fuß auf die Auslegeware.

  »Das erfrischende Raumklima kommt durch die Türme an den Zelten«, erläuterte der Eiserne Ritter flüsternd. »Sie fangen die Wüstenwinde aus allen Richtungen und höheren Luftschichten ein und kanalisieren sie in die Zelte. So herrscht hier drinnen immer frischere Luft als draußen.«

  In der Mitte des Zeltes lag ein besonders großer Teppich mit Schachbrettmuster. Darauf standen, spielbereit aufgebaut, aus Ton gebrannte schwarze und rote Schachfiguren. Der Kamelianer schritt betont langsam zu dem Teppich, baute sich an der Seite mit den roten Figuren auf und fragte feierlich: »Wie wäre es mit einer Partie … Schach?«

  Der Eiserne Ritter seufzte, trat an die andere Seite des Teppichs mit den schwarzen Figuren und verbeugte sich. »Es ist mir eine große Ehre, von meinem Gastgeber zu einer Partie im Spiel der Könige aufgefordert zu werden«, antwortete er ebenso feierlich.

  »Dann möge die Partie beginnen!«, rief der Oberste der Kamelianer.

  »Jetzt bekomme ich aber langsam meine Zweifel, ob diese Kamelianer wirklich so helle sind«, flüsterte Oyo Qwert zu. »Die Rostigen Gnome gelten als geniale Schachspieler. Sie besitzen den mathematischen Verstand von mehreren Rechenmaschinen und können Schachmanöver von höchster Komplexität auf hunderte Züge in wenigen Augenblicken vorausberechnen. Und der Eiserne Ritter erst recht. Niemand, der von Verstand ist, würde ihn zum Schach herausfordern – nicht mal ein Rostiger Gnom. Der ist ein genialer Schachautomat. Der Kamelianer muss über ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein verfügen. Das wird er vermutlich noch bereuen.«

  Der Eiserne Ritter eröffnete die Partie, indem er einen Bauern ein Feld nach vorne schob. Der Kamelianer machte seinen Gegenzug, indem er einen seiner Springer versetzte. Dann war der Eiserne Ritter wieder mit einem Bauern an der Reihe, woraufhin der Kamelianer seinen zweiten Springer über die Reihe seiner Bauern zog und triumphierend rief: »Schachmatt!«

  »Schachmatt in drei Zügen?«, flüsterte Oyo ungläubig. »Das ist völliger Blödsinn.« Qwert verstand nicht viel von Schach, aber er kannte zumindest die Grundzüge.

  »Ich gebe mich geschlagen!«, sagte der Eiserne Ritter, schubste seinen König um, verneigte sich demütig und begab sich wieder zu seiner Delegation. Qwerts Frage, ob er sich aus Höflichkeit geschlagen gegeben habe, beantwortete er, bevor der sie stellen konnte.

  »Wenn man«, flüsterte er, »wie ich die nächsten dreihundertdreiunddreißig Züge vorausberechnen kann, die sich nach unseren ersten drei Zügen zwangsläufig ergeben, dann weiß ich jetzt schon, dass ich verloren habe. Das kann auch eine Gnade sein. Zweiundsiebzig. Wir sparen uns eine Menge Zeit und beenden einvernehmlich die Partie. Es ist stets eine Ehre, gegen einen Kamelianer zu verlieren. Sie sind die besten Schachspieler von Orméa.«

  »Dann können wir ja jetzt zur Sache kommen«, rief der Kamelianer aufgeräumt und klatschte in die Hände. »Ich nehme an, ihr seid hier, um unseren Schutz und unsere Gastfreundschaft zu beanspruchen. Das sei euch gewährt. Im Namen des Einsamen Denkers!«

  »Euren Schutz?«, gab der Eiserne Ritter zurück. »Äh, nein! Wir benötigen keinen Schutz. Wir kommen hier eher zufällig vorbei. Wir haben eine Janusmeduse zu entsorgen. Aber was die Gastfreundschaft angeht, da möchte ich mich schon mal im Voraus bedanken! Neunzehn! Wir müssen diesmal leider auf euren köstlichen Sand verzichten, denn wir haben es ziemlich eilig und würden gerne so schnell wie möglich …«

  »Ihr benötigt keinen Schutz vor den Dornigen Tentakeln?«, fragte der Kamelianer verwundert. »Wirklich nicht? Seid ihr so gut gewappnet?«

  »Dornige Tentakel?«, fragte der Eiserne Ritter irritiert zurück. »Hier?«

  »Ja. Dornige Tentakel«, antwortete der Kamelianer. »Das sind diese monströsen, zerstörerischen Tentakel aus den Untiefen der Roten Wüste, die …«

  »Mir ist sehr wohl bekannt, was Dornige Tentakel sind«, unterbrach ihn der Eiserne Ritter. »Ich habe zwar noch nie welche gesehen, aber schon viel von ihnen gehört. Ihr habt Probleme damit?«

  »Nicht nur wir!«, antwortete der Kamelianer. »Ich fürchte, auch ihr werdet bald welche haben.« Er ging zu einem Tisch, auf dem mehrere ausgerollte Karten lagen. Er hob eine davon hoch und präsentierte sie dem Eisernen Ritter. »Unsere tektonischen Messungen haben ergeben, dass in dieser Gegend bald ein gewaltiger Ausbruch bevorsteht. Wir haben nicht nur vor, den Dornigen Tentakeln die Stirn zu bieten. Wir werden sie vernichten – im Namen des Einsamen Denkers!«

  »Davon wusste ich nichts«, sagte der Eiserne Ritter, der auf Qwert nun einen beunruhigten Eindruck machte. »Wann erwartet ihr die Tentakel denn?«

  »Sie sind längst überfällig. Schon seit Tagen. Sie könnten jederzeit …«

  »Verdammt!«, rief der Eiserne Ritter. »Das passt mir jetzt aber gar nicht! Wir haben wirklich dringend eine Meduse zu entsorgen. Zweihundertvierunddreißig.«

  »Je nun«, entgegnete der Kamelianer, »die Tentakel scheren sich nicht um Terminkalender. Wenn das Tentakel stechen will, dann sticht das Tentakel!«

  »Wenn das Tentakel stechen will, dann sticht das Tentakel!«, skandierten die anderen Kamelianer im Zelt.

  »Ja, ja, ich weiß«, sagte der Eiserne Ritter. »Es passt mir trotzdem nicht in den Kram. Herrje! Dann bleibt uns ja wohl gar nichts anderes übrig, als mit euch gegen die Tentakel zu kämpfen.«

  »So will es die Tradition!«, rief der Kamelianer feierlich. »Alle für jeden! Niemand für nichts! Heil dem Einsamen Denker!«

  »Alle für jeden! Niemand für nichts!«, riefen die anderen Kamelianer. »Heil dem Einsamen Denker!«

  »Ich muss sofort zu meinen Leuten, um mit ihnen unsere Strategie zu entwickeln«, sagte der Eiserne Ritter. »Achtundsiebzig. Das Beste wird sein, wir kommen alle hier ins Lager. Und bieten gemeinsam den Tentakeln die Stirn.«

  »Ihr seid willkommen!«, sagte der Kamelianer salbungsvoll. »Unsere Wüsten­stadt sei eure Wüstenstadt! Nur bitte nicht auf die fliegenden Teppiche treten! Wir können jede Unterstützung gebrauchen. Das wird die größte Schlacht, welche die Blutrote Wüste jemals erlebt hat.«

  »Wie bitte?«, entfuhr es Qwert, der die ganze Zeit entgeistert zugehört ­hatte. »Die größte Schlacht, die diese Wüste jemals erlebt hat? Dann kommen hier Gemetzel wohl öfter vor? Und, mit Verlaub: Was sind denn bitte schön Dornige Tentakel?«

  21. Aventiure

  Prinz Kaltbluth und

  Der Dornige ­Tentakel

  Der Eiserne Ritter begab sich mit den Rostigen Gnomen zur Medusenkutsche, um seine Leute über die Lage zu informieren und sie in die Zeltstadt zu führen. Qwert und Oyo blieben beim Anführer der Kamelianer zurück, der es als Gastgeber für seine Pflicht erachtete, ihnen Aufklärung über Wüstenschlachten im Allgemeinen und die Dornigen Tentakel im Speziellen zu verschaffen.

  »Sie tauchten einfach auf, im wahrsten Sinne des Wortes«, begann er, nachdem er sich zusammen mit Qwert und Oyo an den Tisch voller strategischer Karten gestellt hatte. »Wir hielten sie zuerst für etwas zu groß geratene und zu schnell wachsende Kakteen, aber dann bemerkten wir, dass sie sich tatsächlich bewegten – wie richtige Lebewesen. Sie wuchsen aus dem roten Sandboden, riesige blaue Tentakel, Würmer oder Schlangen oder Wurzeln oder was auch immer sie sein mögen. Sie sind mit Stacheln bewehrt, so lang und spitz wie unsere Krummdolche, und sie haben etliche meiner Leute erwischt, umschlungen und zerquetscht, andere haben sie mit ihren Stacheln aufgespießt. Dann verschwanden sie blitzschnell im Erdboden. Um später an irgendeiner anderen Stelle der Blutroten Wüste wieder aufzutauchen und neue Gemetzel zu veranstalten. Sie tauchen immer im Schwarm auf, schlagen gemeinsam zu und verschwinden gemeinsam wieder. Sie griffen ganze Karawanen und Zeltdörfer an und zerrten sie hinab in den Wüstensand.« Der Kamelianer seufzte schwermütig, während er eine der Karten entrollte und glattstrich.

 

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