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An den Wänden hingen zwischen den hohen Fenstern auch etliche Bilder, Ölgemälde von Rittern in voller Rüstung und mit geschlossenem Helm und Kupferstiche von Drachen und anderen Ungetümen. Eines sah aus wie ein Dorniger Tentakel, ein anderes wie ein Kristallskorpion. Qwert war viel zu aufgekratzt, um all die Einzelheiten gebührend zu würdigen, ihn beschäftigte eine andere Frage wesentlich mehr: Wer wohnte in so einem Raum? Ein Ritter? Ein Waffennarr? Tatsächlich der Einsame Denker?
Da waren auch etliche Bücher. Sie befanden sich in hölzernen und überall im Raum aufgestellten Regalen oder lagen auf großen Tischen, die mit Papierstapeln und Pergamentrollen überladen waren. Dazwischen standen ein paar Stühle und Sessel. Direkt neben einem Fenster bemerkte Qwert etwas, das ein sehr großer Vogelkäfig sein konnte, es war fast vollständig von einem schwarzen Tuch bedeckt. Die Mitte des Raumes beherrschte ein gewaltiger Holzschreibtisch, ebenfalls heillos überfrachtet mit Büchern, Papierstapeln und Schreibutensilien. Neben dem Schreibtisch befand sich eine große dreiteilige spanische Wand aus vergilbtem Pergament, das mit fremdartigen Zeichen bedeckt war.
Qwert bemerkte, dass sich hinter dieser dünnen Papierwand jemand zu verbergen versuchte. Er konnte deutlich die Silhouette einer massigen Gestalt erkennen, die vom Sonnenlicht auf das beschriftete Papier des Paravents geworfen wurde.
»Endlich sehen wir uns! Von Angesicht zu Angesicht!«, rief eine altbekannte Stimme, aber Qwert wusste sogleich, dass sie diesmal nicht aus seinem Kopf kam, sondern zu der Gestalt hinter dem Paravent gehörte.
Der Schatten bewegte sich schwerfällig, und hinter der Trennwand trat eine imponierende Kreatur aus ihrem Versteck hervor. Sie trug einen langen dunkelblauen Umhang mit einer großen Kapuze, die ihren massigen Kopf bedeckte. Qwert entging nicht, dass sie Gamaschen an den Füßen trug.
»Herzlich willkommen, meine geliebten Freunde!«, rief die Gestalt mit dunkler, sympathisch und jovial klingender Stimme. »Es war ein langer und beschwerlicher Weg voller Aventiuren. Aber – ihr habt es vollbracht! Ihr seid endlich angekommen. Lasst mich euch willkommen heißen!« Die Gestalt hob ihre klauenartigen Hände und schlug die Kapuze zurück. Was Qwert nun sehen konnte, war ein hochgewachsener, auf zwei Beinen gehender, ein wenig geckenhaft gekleideter und leicht übergewichtiger Lindwurm mit geschuppter Haut und einem kleinen Horn auf der Nase, der sie freundlich anlächelte. Er breitete die Arme aus.
»Hallo zusammen! In Orméa werde ich der Einsame Denker genannt. Aber mein wirklicher Name lautet Mythenmetz. Hildegunst von Mythenmetz. Ihr dürft mich gerne Hildegunst nennen.«
Qwert und Oyo waren sprachlos.
»Ihr müsst meinen etwas dramatischen Auftritt bitte entschuldigen – aber das sind so dumme Angewohnheiten, die man irgendwann nicht mehr ablegen kann, wenn man ein gewisses Maß an Prominenz erlangt hat. Außerdem seid ihr der erste Besuch, den ich bekomme, seit … seit … ach du meine Güte! Ich habe keine Ahnung, so lange ist das schon her!«
»Hildegunst?«, fragte Oyo, der als Erster seine Stimme wiederfand. »Hildegunst von Mythenmetz? Du … hier?«
»Mythenmetz?«, fragte auch Qwert. »Der Mythenmetz? Der berühmte Schriftsteller, der aus deinem Ballon gefallen ist, bevor du in das Dimensionsloch gestürzt bist?«
»Ja, genau der!«, nahm der Lindwurm Oyos Antwort vorweg. »Ich verstehe vollkommen, dass unsere Begegnung für euch beide außerordentlich verwirrend und emotional aufwühlend sein muss, besonders für dich, mein lieber Queekwigg! Oder soll ich lieber Oyo sagen?«
»Das verstehe ich nicht«, sagte Oyo. »Bist du etwa auch in ein Dimensionsloch gefallen?«
»Ja, das bin ich!«, antwortete Mythenmetz. »Allerdings erheblich später als du. Ist das nicht total absurd? Aber das gehört nun mal bei multiuniversalen Dimensionslochreisen dazu, Zeit und Reihenfolge von Ereignissen spielen eine eher untergeordnete Rolle.«
»Das ist ja total krass!«, staunte Oyo. »Hildegunst von Mythenmetz! Ich hätte nie gedacht, dass wir uns nochmal wiedersehen!«
»Und du, mein guter Prinz Kaltbluth alias Qwert Zuiopü«, wandte sich der Lindwurm an Qwert, »bist mir zwar noch nie persönlich begegnet, aber du kennst meinen Namen aus Büchern, richtig? Was für Prinz Kaltbluth umgekehrt genauso gilt. Alle Klarheiten beseitigt? War das für unsere gegenseitige Vorstellung verwirrend genug?« Er lachte heiser und deutete auf zwei Sessel vor seinem Schreibtisch. »Aber nun setzt euch doch erstmal nach eurer langen Strapaze! Ich werde gleich sämtlichen Erklärungsbedarf befriedigen und alle Fäden entwirren – wie ich hoffe. Kann man dem Reitwürmchen etwas Gutes tun? Ich sehe zum ersten Mal eines und verstehe überhaupt nichts von dieser Spezies. Beißen die?«
Der Lindwurm ging zu Schneesturm hinüber und tätschelte unbeholfen seinen Kopf, was das Reitwürmchen mit behaglichem Schnauben quittierte. »Ihm haben wir unsere Zusammenkunft in Wahrheit zu verdanken«, bemerkte Mythenmetz. »Ihr hättet es ohne das brave Tier niemals hier heraufgeschafft. Seine Beteiligung an unserem Treffen ist essenziell. Ohne Schneesturm wären wir uns nie begegnet.«
Qwert und Oyo hatten unterdessen auf zwei bequemen Sesseln Platz genommen. »Wa… was machst du eigentlich hier oben? Wie kommst du hierher?«, fragte Qwert. Er verstand nicht die Bohne von dem, was der seltsame Lindwurm da schwafelte, aber er hatte immerhin behauptet, dass er der Einsame Denker sei. Und seine Stimme klang tatsächlich so wie die in seinem Kopf. Daher fand Qwert seine Fragen durchaus angebracht.
»Das sind verdammt gute Fragen!«, entgegnete Mythenmetz. »Gleich zur Sache kommen! Ohne Umschweife! Das ist total Prinz Kaltbluth! Und ich werde sie euch beantworten. In sämtlichen erschöpfenden Einzelheiten. Ich brenne darauf, euch mit erhellenden Informationen zu überschwemmen. Wie lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet? Keine Ahnung! Ich weiß es nicht mehr! In dieser verdammten Welt hier ist die Zeit ja völlig aus den Fugen. Ich hoffe, ihr habt ein bisschen Geduld und Nachsicht für einen alten Einsamen Denker mitgebracht.« Der gewichtige Lindwurm ging hinüber zu seinem Schreibtisch und ließ sich auf den Stuhl dahinter fallen.
»Wären wir in Zamonien«, sagte er, »dann würde ich euch jetzt einen Kaffee anbieten. Oder Tee. Und ein bisschen Gebäck oder Salznüsse und Pralinen nach all euren strapaziösen Aventiuren. Damit ihr euch ein bisschen entspannen könnt. Zur Ruhe kommen. Energie auftanken. Aber nein! In diesem verdammten Orméa wird ja nicht gegessen! Und es wird sich auch nicht ausgeruht. Oder entspannt. Von Schlafen gar nicht erst zu reden. Da soll man nicht wahnsinnig werden!«
»Ja«, antwortete Qwert, der erleichtert war, wenigstens zu diesem Thema etwas beitragen zu können. »Obwohl ich hier nie wirklich erschöpft war oder müde werde, finde ich es auf Dauer ziemlich anstrengend, nicht mehr in Zyklen zu leben. Die Pausen sind es, was ich am meisten vermisse.«
»Ich nicht«, sagte Oyo. »Ich finde das alles ganz prima. Wer braucht schon Schlaf?«
»Also, dann gehen wir gleich in medias res, wie?«, rief der Lindwurm aufgeräumt und klatschte in die Hände. »Ich fange einfach mal mit dem Anfang an. Mit meinem Anfang, dem Beginn meiner ganz persönlichen Geschichte in Sachen Dimensionslochreisen.« Er schob fahrig ein paar Papiere auf dem Schreibtisch hin und her, als suchte er nach einem Manuskript für seinen Vortrag, aber dann setzte er sich aufrecht, räusperte sich noch einmal und fing an, völlig frei zu reden.
»Es war am letzten Tag meines vierhundertneunundneunzigsten Lebensjahres, dem Tag vor meinem fünfhundertsten Geburtstag. Also haargenau in der statistischen Mitte eines durchschnittlichen Lindwurmlebens, als der ganze Schlamassel begann. Ich befand mich, wie man so sagt, in einer tiefen Sinnkrise. Die unter anderem mit zu viel Erfolg und mangelnder sittlicher Reife zu tun hatte. Ich war überarbeitet. Ausgebrannt. Schlaflos. Deprimiert. In kreativer Hinsicht völlig am Ende. Das Orm strömte nicht mehr. Ich saß tagelang in meiner Schreibstube auf der Lindwurmfeste vor einem leeren Blatt Papier, malte Kringel und glotzte aus dem Fenster. So ging das nicht weiter! Die Krise führte mich schnurstracks auf den Gipfel des Bloxbergs, jener geheimnisumwitterten Erhebung zu Füßen des südlichen Teils der Finsterberge. Die ja bekanntlich traditionell von großen Dichtern und Denkern zur Sinnkrisenbewältigung bestiegen wird.« Der Lindwurm stöhnte gequält, und Qwert dachte, dass es mit dem Inhalt seiner Erzählung zu tun hatte. Aber es war nur ein Bleistift, auf den sich der Dichter versehentlich gesetzt hatte und den er nun entfernte.
»Leute mit klischeehaften Vorstellungen vom Gemüt eines Dichters«, fuhr er fort, »könnten nun annehmen, dass mich Selbstauslöschungswünsche auf jenen Berggipfel getrieben haben. Aber das war nicht der Fall, schon weil so etwas überhaupt nicht meiner grundsätzlich lebensbejahenden Veranlagung entspricht. Ich wollte eigentlich nur frische Luft schnappen, ein wenig durchatmen und innehalten nach all dem beruflichen Stress, den eine Karriere als erfolgreichster Schriftsteller Zamoniens leider mit sich bringt. Ihr wisst schon: zähe Vertragsverhandlungen mit skrupellosen Verlegern, die um jedes halbe Tantiemenprozent feilschen, störrische, besserwisserische Lektoren, tagelanges Korrekturlesen, anstrengende Lesereisen, erschöpfende Signierstunden. Plagiatsvorwürfe von minderbegabten Kollegen, schlechte Kritiken von missgünstigen Kritikern, sich inflationär häufende Schreibblockaden – sowas eben.«
Qwert und Oyo nickten heftig, um Verständnis zu heucheln.
»Und ich brauchte dringend Bloxbergenzian! Ich hatte aus gutunterrichteten Schrecksenkreisen den Tipp erhalten, dass dort oben eine Enziansorte gedeihen soll, die, als Tee zubereitet, angeblich das Orm massiv stimuliert und selbst hartnäckigste Schreibkrisen nachhaltig beseitigt. Was übrigens der eigentliche Grund dafür ist, dass sich auf der Almhütte des Bloxberges die ausgebrannten Geistesgrößen sozusagen die Klinke in die Hand geben.«
Mythenmetz hob den Kopf und tippte sich an die Nüstern. »Angeblich soll man Bloxbergenzian wittern können. Sie werden ihn schon erkennen, wenn Sie ihn riechen, hatte mir die Schreckse meines Vertrauens damals als einzigen Hinweis mit auf den Weg gegeben. Na ja – kein Wunder, dass ich den erstbesten außergewöhnlichen Duft, den ich in der Höhenluft erschnupperte, gleich für Bloxbergenzian hielt. Es war aber etwas völlig anderes.« Der Lindwurm ächzte.
»Ich lief dem Geruch hinterher, als notorischer Nichtbergsteiger natürlich mit der völlig falschen Fußbekleidung – Gamaschen! –, und geriet ins Stolpern. Ich fiel über eine Felskante – und stürzte kreischend ins Leere, den ganzen Bloxberg hinunter, mehrere Kilometer in die Tiefe.« Mythenmetz schauderte sichtlich bei der Erinnerung und ballte beide Fäuste auf dem Tisch. »Aber seltsamerweise war der Geruch immer noch da, während ich stürzte. Er roch nach … nach …«
»Gennf?«, half Qwert mechanisch aus.
Mythenmetz sah ihn fragend an. »So heißt das Zeug, nach dem Dimensionslöcher riechen? Gennf? Blöder Name … Aber du hast es bereits erraten: Ich war – was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste – in ein Dimensionsloch gefallen. Welches sich in diesem Fall mitten in einer Klamm des Bloxberges befand. Ich bemerkte es erst, als ich mich von einem Meer aus Sternen umgeben sah. Ich war plötzlich im Weltall! Einfach so!« Mythenmetz schnippte mit den Fingern.
»Zuerst dachte ich, ich sei bei dem Sturz umgekommen und befände mich in einer Art Jenseits, obwohl ich gar nicht an ein Leben nach dem Tod glaube. Und eigentlich fühlte ich mich ziemlich lebendig, eher in so einem Zustand der totalen Gleichgültigkeit. Mir war alles völlig wurscht, ich war absolut angstfrei. Ich befand mich im Zustand der … der …«
»Saloppen Katatonie«, half Qwert wieder aus.
»Genau!«, sagte Mythenmetz. »Das ist der Fachausdruck! Nun, mir war jedenfalls so ziemlich alles völlig egal, während ich da durchs Universum, durch diverse Wurmlöcher und wahrscheinlich auch andere Dimensionen purzelte, bis ich mich plötzlich …«
»Abgebremst fühlte!«, unterbrach Qwert schon wieder.
»Hm?«, machte Mythenmetz. »Äh … genau. Mein kosmischer Sturz wurde abgebremst.«
»Bremsen, Wirbeln, Stülpen, Aufschlagen«, dozierte Qwert. »Die klassischen vier Stufen beim Landen in einer anderen Dimension.«
»Richtig!«, erwiderte Mythenmetz. »Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Du kennst dich wirklich aus! Möchtest du meine Geschichte weitererzählen?«
Qwert errötete. »Verzeihung!«, sagte er. »Es ist nur so, dass es mich immer furchtbar mitnimmt, wenn jemand anderer von einem Dimensionslochsturz berichtet.«
»Lebensverändernd!«, rief Mythenmetz. »Ein absoluter Paradigmenwechsel! Denn als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in diesem Zimmer hier.« Er wies mit einer Hand über den ganzen Raum. »Es sah fast genauso aus wie jetzt. Und ich habe es seither nicht verlassen.«
Der Lindwurm erhob sich ächzend aus dem Stuhl und fing an, das geräumige Studierzimmer zu durchmessen. »Es ist ein ziemlich guter Arbeitsraum für einen Schriftsteller. Alles da, was man braucht. Ein Schreibtisch, Papier, hochwertige Schreibutensilien – und viele Bücher. Das war mein erster Eindruck. Denn obwohl ich von den Ereignissen entsprechend verstört war, nachdem die … die … wie heißt das nochmal …?«
»Saloppe Katatonie.«
»Genau … die äh, Saloppe Katatonie abgeklungen war, fühlte ich mich hier auf seltsame Weise fast wie zuhause. Heimisch. Obwohl es gar nicht mein eigenes Arbeitszimmer war. Aber sagen wir mal so: Wenn man plötzlich von einer Welt in eine andere wechselt, sind die Möglichkeiten, dass man in völlig fremden oder sogar gefährlichen und lebensfeindlichen Verhältnissen landet, doch ziemlich hoch, oder? Ich meine, ich bin Schriftsteller und kann mir da so einiges vorstellen: Meere aus kochender Lava oder giftigem Gas, aus Methan oder Ammoniak. Wüsten aus Eis mit dreistelligen Minusgraden oder Seen aus Salzsäure. Also: Dass ein Dichter bei einem Dimensionslochsturz von der Bloxbergklamm ausgerechnet in einer ziemlich gemütlichen und gut ausgestatteten Schreibstube landet, ist statistisch gesehen doch eigentlich ziemlich unwahrscheinlich! Und ein Glücksfall, oder?«
»Ein totaler Unwahrzu«, nickte Qwert.
»Ein regelrechter Flamingo«, bestätigte Oyo.
»Meine vorübergehende Beruhigung schlug aber gleich in Panik um, als ich aus einem der Fenster schaute.« Mythenmetz deutete auf eine der hohen Öffnungen in der Wand.
»Ich war in einer anderen Welt gelandet! Nichts von dem, was ich da überblicken konnte, kam mir bekannt vor. Eine rosafarbene Sonne am Himmel! Ich befand mich in einem absurd hohen Turm, mitten in einer Wüste, himmelhoch über dem Erdboden. Und es dauerte nicht lange, bis ich feststellte, dass es aus diesem Raum keinen Ausgang gab – bis auf diese Öffnungen, die alle schnurstracks in die Tiefe führen. Ohne Treppe. Ich war ein Gefangener in einer anderen Dimension!«
»Das Gefühl kenne ich!«, sagte Qwert.
»Ich auch!«, ergänzte Oyo.
»Ja ja, aber ihr konntet immerhin draußen frei rumlaufen«, entgegnete Mythenmetz. »Das ist ein gewaltiger Unterschied.«
»Stimmt!«, musste Qwert zugeben. »Du warst schlimmer dran. Was hast du gemacht?«
Mythenmetz lachte. »Zuerst einmal bin ich ausgiebig verzweifelt! Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich hier eines langsamen und qualvollen Entbehrungstodes sterben würde. Denn zu essen oder zu trinken gab es hier ja nichts. Da wäre ich doch lieber am Fuße des Bloxbergs zerschellt! Oder irgendwo im Andromedanebel gegen einen entgegenkommenden Kometen geknallt. Peng und aus! Aber bitte nicht als ausgemergeltes Skelett enden, in einem Hungerturm in einer wildfremden Dimension.«
Qwert glaubte, aus dem Augenwinkel bemerkt zu haben, dass sich unter dem schwarzen Tuch, das über dem vermeintlichen Vogelkäfig hing, etwas bewegt hatte. Aber es konnte auch nur der Wind gewesen sein, der das Tuch gebauscht hatte, daher behielt er seine Beobachtung für sich.
»Es hat eine ganze Weile gedauert«, fuhr der umherwandernde Lindwurm fort, »bis ich endlich begriffen hatte, dass man hier gar nicht verhungern oder verdursten kann. Und dass ich auch keinen Schlaf brauche. Also habe ich mich so nach und nach wieder etwas abgeregt und in die Verhältnisse gefügt. Was sollte ich auch anderes machen?« Er seufzte. »Die ganzen Ritterrüstungen und Waffen fand ich gewöhnungsbedürftig, denn ich folge eigentlich einer pazifistischen Grundüberzeugung, Krieg und Gewalt sind mir zuwider. Die Bilder mit all den Drachen und Ungeheuern waren ebenfalls zuerst etwas beklemmend, aber auch daran habe ich mich gewöhnt. Wirklich gut fand ich auf Anhieb nur die ganzen Bücher.«
Mythenmetz ging zu einem der Bücherregale, pflückte ein Buch heraus und hielt es eine Weile gedankenverloren in der Hand.
»Zuerst dachte ich, dass es sich hier um eine wohlsortierte Bibliothek handelt, bestückt mit den Werken von vielen verschiedenen Autoren. Als ich dann so weit war, mich damit in Ruhe zu beschäftigen und darin zu stöbern und zu schmökern, stellte ich zwei sehr erstaunliche Dinge fest. Erstens: dass sie allesamt – was ja für eine Bibliothek in einer fremden Dimension nicht selbstverständlich ist – in Zamonisch waren. Ich konnte die Bücher also lesen, was ich erfreulich fand. Und zweitens: dass sie alle von ein und demselben Autor stammten.«
»Von dir?«, entfuhr es Qwert.
»Nein!«, antwortete Mythenmetz und lachte. »Das wäre ja schrecklich gewesen! Nein, nachdem ich eines der Bücher nach dem anderen aus den Regalen gezogen und mir die Titel angesehen hatte, wurde mir zu meiner wachsenden Verblüffung immer klarer, dass es allesamt Prinz-Kaltbluth-Romane waren! Geschrieben von Zamoniak Graf Klanthu zu Kainomaz. Sie waren hier in sämtlichen gedruckten Ausgaben versammelt, von jeder Auflage mindestens ein Exemplar, restlos alle dreitausenddreihundertdreiunddreißig Bände der Reihe, chronologisch geordnet. Etliche kannte ich, denn in meiner Jugend habe ich, wie jeder anständige junge Zamonier, die Prinz-Kaltbluth-Romane haufenweise verschlungen.«


