The pool, p.18
Qwert, page 18
»Das … nngh … nennst du ritterlich?«, ächzte er. »Ich kann das Ding kaum halten.«
Der Hölzerne Ritter aber beachtete ihn gar nicht mehr. Er war, nachdem er das Schwert herabgeworfen hatte, ein paar Schritte zurückgetreten und ließ sich mit einer Wucht, die den ganzen Boden der Lichtung erschütterte, auf seine hölzernen Knie fallen. Dann beugte er sich vornüber und ging ebenso geräuschvoll auf alle viere.
Qwert ahnte, dass er staunender Zeuge einer weiteren Verwandlung werden sollte. Es knirschte und knackte heftig im Innern des Hölzernen Ritters. Seine Beine und Arme schlugen neue Luftwurzeln, dehnten und verlängerten sich knirschend und bekamen Formen, die an Beine eines Pferdes oder eines Stiers erinnerten. Sein Leib zog sich ebenfalls knarzend in die Länge und wurde zum Torso eines gewaltigen Reittieres. Ein weiteres Paar Beine wuchs ihm rapide in der Hüftgegend, sodass er nun auf sechs enorm kräftigen Läufen stand. Sein Brustkorb dehnte sich und bog sich aufwärts, und mit ihm erhob er wieder stolz sein laubgekröntes Haupt, das bei der Transformation als einziges Körperteil keine dramatische Veränderung erfahren hatte. Als die Verwandlung fast vollzogen war, sah er aus wie ein Zentaur mit sechs Beinen, ein Hybrid aus mächtigem Schlachtross und wandelndem Urwald. Dann ließ er auch seinen rechten Arm unter quietschenden Geräuschen immer länger und länger wachsen, bis er zu einer baumlangen, spitzen Lanze aus dicht verflochtenen Ästen und Luftwurzeln geworden war.
Er schenkte Qwert weiterhin keine Beachtung und trabte schließlich ganz langsam zum Ende der Lichtung, wo er wendete, ungeduldig mit den hölzernen Hufen scharrte und wieder seine dröhnende Stimme erhob.
»So lasst uns denn die Tjoste beginnen!«, rief er feierlich. Dann senkte er seine Lanze und verfiel in leichten Trab, er kam direkt auf Qwert zu.
»Was?«, entgegnete Qwert panisch. »Jetzt schon?« Er hatte gehofft, dass der Hölzerne Ritter wenigstens noch einen traditionellen Schlachtgesang anstimmen würde, wie es der Eiserne Ritter und der Gläserne Ritter getan hatten. Das hätte ihm eventuell noch Gelegenheit gegeben, stiften zu gehen in den nahen Wald. Aber jetzt war der Hölzerne Ritter bereits in vollen Galopp verfallen und stürmte mit gesenkter Lanze schnurgerade auf ihn zu, nur noch wenige Pferdelängen von ihm entfernt.
Wieso riecht es hier plötzlich nach Jasmin?, dachte Qwert. Auf dieser Lichtung blüht doch überhaupt kein Jasmin? Im selben Augenblick verspürte Qwert im Nacken einen heftigen Schmerz, der ihm genauso vertraut war wie der Jasmingeruch.
»Aah! Aua!«, konnte er gerade noch rufen und das Goldene Schwert fallen lassen, bevor er jäh von den Beinen gerissen und in die Höhe getragen wurde. Binnen weniger Augenblicke konnte er die ganze Lichtung der Tanzenden Pilze überblicken, mit dem Hölzernen Ritter in der Mitte, der abrupt seinen Galopp beendet hatte, direkt unter ihm stand und verdutzt zu ihm hochsah.
Qwert musste wieder schmerzhaft den Kopf verdrehen, um die Janusmeduse zu erblicken, die über ihm flatterte und ihn fest in ihren Klauen hielt. »Das ist jetzt aber wirklich das allerletzte Mal, dass ich dich aus irgendeinem Schlamassel raushole«, rief sie. »Du musst endlich lernen, deine Probleme selber in den Griff zu bekommen.«
Bevor Qwert der Janusmeduse antworten konnte, schlang sich etwas um sein linkes Fußgelenk und beendete mit einem rabiaten Ruck seinen Aufwärtsflug. Auch die Meduse wurde abgebremst, doch sie hielt ihren Passagier fest in den Klauen und flatterte noch kräftiger mit ihren gewaltigen Schwingen. So stiegen sie beide wieder höher, aber der Zug an Qwerts Bein wurde dadurch noch stärker und qualvoller. Er schrie vor Schmerzen und blickte nach unten. Was er dort voller Entsetzen sah, war der Hölzerne Ritter, der an ihm hing wie eine riesige überreife Frucht. Er hatte wohl im letzten Moment eine seiner Luftwurzeln nach oben peitschen lassen und um Qwerts Knöchel geschlungen und klammerte sich so an ihn und die verzweifelt flatternde Meduse. Sein mächtiger Zentaurenkörper zerrte an beiden mit dem Gewicht einer riesigen Eiche.
»Du entkommst mir nicht!«, rief der Hölzerne Ritter. »Lass ihn los, Meduse! Prinz Kaltbluth gehört mir!«
»Das wollen wir doch mal sehen!«, kreischte die Janusmeduse zurück. Sie verstärkte noch einmal die Schlagzahl ihrer kraftvollen Flügel und rauschte mit ihrer Riesenlast dicht über die Baumwipfel des Vergessenen Gartens hinweg.
»Schneid ihn ab!«, befahl die Janusmeduse. »Zieh Tarnmeister und schneid den verdammten Tentakel durch! Sonst zerrt er uns mit seinem Gewicht nach unten. Lang halte ich das nicht mehr durch!« Ihr Flügelschlag wurde mit jedem Takt langsamer und schwächer.
Qwert blickte noch einmal nach unten und stellte fest, dass sie gerade die Grenze des Vergessenen Gartens überflogen hatten – die Lichtung der Tanzenden Pilze hatte sich also dicht am Rand des Pflanzenlabyrinths befunden! Sie waren jetzt über freiem Terrain, das aus wogendem gelbem Schilf bestand.
»Mach schon!«, kreischte die Meduse. »Hack den Tentakel durch!«
Qwert legte gehorsam seine Hand an den Griff von Tarnmeister.
»Ja! Ja!«, gellte da eine altbekannte Stimme in seinem Kopf. »Tarnmeister war wieder erwacht! Die belebende Energie des Wunderdegens durchströmte Prinz Kaltbluth augenblicklich wie der Stromschlag einer alchemistischen Batterie!«
Qwert erschrak, aber nicht so sehr, dass er Tarnmeister losgelassen hätte. Stattdessen umklammerte er den Griff der Waffe noch fester. Und tatsächlich: Ihre ermutigende und kraftspendende Energie pulsierte durch seinen Körper wie eine Infusion mit purer Kampfeslust! Er zog Tarnmeister aus der Schlaufe, holte weit aus – und hieb die Luftwurzel mit einem einzigen Streich entzwei. Der Hölzerne Ritter gab ein kurzes Geräusch der Verblüffung von sich – und stürzte krachend in das Schilf.
Die Janusmeduse tat ein paar besonders kräftige Schläge mit ihren gewaltigen Flügeln und stieg wieder höher. »Flamingo!«, kreischte Jadusa ekstatisch. »Du hast es geschafft! Wir sind frei!«
Qwert blickte zurück. Sie hatten sich bereits ein gutes Stück von dem Hölzernen Ritter entfernt, aber dessen Stimme klang trotzdem beeindruckend und bedrohlich, als er sich aus dem Schilf aufrappelte. »Wir sehen uns wieder!«, grölte er ihnen hinterher. »Das verspreche ich dir, Prinz Kaltbluth! Wir sehen uns sehr bald wieder!«
Jadusa lachte triumphierend, während sie weiter an Höhe gewannen. »Du machst wirklich eine steile Karriere in unserem schönen Orméa, mein tapferer Ritter!«, rief sie. »Jetzt hast du auch noch den Hölzernen Ritter am Hals! Er sollte uns eigentlich dankbar sein, dass wir ihn aus dem Vergessenen Garten befreit haben. Ein arrogantes Pack, diese Rittertypen! Sie halten sich alle für was Besseres. Mit Ausnahme von dir natürlich.«
Qwert steckte Tarnmeister wieder in seine Schlaufe, worauf dessen euphorisierende Wirkung augenblicklich erlosch. Auch die Stimme in seinem Kopf war wieder verschwunden. »Vielen Dank für die abermalige Rettung«, antwortete er. »Das war wieder mal ziemlich knapp.«
»Schon gut!«, entgegnete Jadusa. »Immer wieder ein Vergnügen. Beim nächsten Mal musst du einen ausgeben!«
»Wieso hast du denn deine Meinung geändert?«, konnte Qwert sich nicht verkneifen zu fragen. »Du wolltest mich doch eigentlich für immer loswerden. Das Beste aus beiden Welten, das waren deine Worte, wenn ich mich recht entsinne.«
Jadusa zögerte lange, bevor sie antwortete. »Ich … ich habe nachgedacht«, sagte sie dann ernst.
»Oh, du hast nachgedacht! Das solltest du nächstes Mal vielleicht tun, bevor du Leute im Vergessenen Garten absetzt oder sowas! Ich habe ein paar ziemlich traumatische Erlebnisse hinter mir, das kannst du mir glauben! Ich habe ein Janusmännlein kennengelernt.«
»Tatsächlich? Du hast eins gesehen? Ich habe dich vor ihnen gewarnt, erinnerst du dich? Dass du dich vor ihnen in Acht nehmen sollst? Und? War es so, wie ich es beschrieben habe?«
»Das kann man wohl sagen. Es war alles, was ich liebe, und alles, was ich fürchte. Mit ein paar Innereien als Garnierung.«
Die Meduse lachte. »Du hast es überlebt. Was dich nicht umbringt, macht dich zwar nicht stärker, aber es bringt dich auch nicht um. Kennst du den Spruch?«
»Nein. Aber was mich nicht umgebracht hat, wird wahrscheinlich demnächst in meinen Alpträumen aufkreuzen. Ich habe erfahren, dass Janusmännlein unsterblich sein sollen.«
»Das stimmt so nicht ganz. Wenn man einmal einem begegnet ist, wird man es nur ganz schwer wieder los – das stimmt tatsächlich. Ein Janusmännlein hast du jetzt auch noch auf den Fersen, fürchte ich! Aber es gibt ein wirkungsvolles Mittel dagegen: Wenn du ihm beim nächsten Mal begegnest, darfst du nicht vor ihm erschrecken! Auf keinen Fall! Du musst es einfach ignorieren, egal, in was für einer schrecklichen Gestalt es dir erscheint. Das kann alles Mögliche sein! Du solltest es einfach nicht beachten. Das kann es nicht ab. Und verschwindet. Zumindest aus deinem Leben.«
»Danke für den Tipp!«, entgegnete Qwert. »Ich darf mich also nur nie wieder vor etwas erschrecken, egal, wie erschreckend es ist. Das ist ja einfach! Aber du hast meine Frage noch nicht beantwortet. Was war der Grund für deinen Sinneswandel?«
»Ich habe nachgedacht«, sagte die Meduse.
»Das hast du bereits erwähnt. Worüber denn?«
»Na ja … nachdem ich dich im Vergessenen Garten abgesetzt hatte, bin ich erstmal eine Weile planlos herumgeflogen, wie bei unserer ersten Trennung. Aber diesmal hatte ich so ein seltsames Gefühl von … von …«
»Von Schuld?«, half Qwert aus.
Jadusa überlegte. »Es war so ein beklemmender Druck in der Magengegend. Gepaart mit dem Gedanken, irgendetwas falsch gemacht zu haben, und dem Wunsch, es wieder rückgängig zu machen, und gleichzeitig der Befürchtung, dass es dafür zu spät sein könnte. Das ist ein Schuldgefühl?«
»Jedenfalls eine ziemlich gute Definition.«
»Ich konnte mir zuerst nicht erklären, woher es kam, denn kurz vorher hatte ich mich noch richtig wohl gefühlt. Erleichtert. Heilfroh darüber, dass ich dich losgeworden war.«
»Das hört man gern«, sagte Qwert.
»Ich war erleichtert darüber, wieder unabhängig zu sein. Ohne den ganzen Ballast in den Krallen. Aber dann …«
»Dann …?«, bohrte Qwert nach.
»Dann war da wieder dieses andere Gefühl. Dieses … dieses …«
»Du meinst dieses Gefühl in deinem Magen? Als ob lauter gläserne Spinnen in deinem Bauch krabbeln?«
»Genau. Je weiter ich flog, desto heftiger wurde es. Noch stärker als beim letzten Mal. Irgendwann nicht mehr auszuhalten. Schließlich flog ich einfach wieder zurück zum Vergessenen Garten. Und zog bei der Lichtung der Tanzenden Pilze meine Kreise.«
»Woher wusstest du denn, dass ich da aufkreuze?«
»Wusste ich gar nicht. Aber als ich dich abgesetzt habe, habe ich uns dieses Hintertürchen aufgemacht. Das muss auch schon dieses idiotische Gefühl gewesen sein, diese …diese …«
»Liebe!«, soufflierte Qwert.
»Genau – Liebe. Die mich wohl unterbewusst veranlasst hat, uns die Möglichkeit einer weiteren Begegnung zu geben. Diese seltsamen Pilze sind mir mal beim Überfliegen des Vergessenen Gartens aufgefallen. Und ich habe mir wohl gedacht, dass es vielleicht irgendwie romantisch wäre, wenn wir uns da … Na ja, als ich dir diesen Ort genannt habe, hatte ich an unserer Trennung wohl schon so meine Zweifel. Und dachte, dass es vielleicht eher sowas wie eine vorübergehende Auszeit sein würde.«
»Für mich wäre es beinahe eine endgültige Auszeit geworden«, warf Qwert vorwurfsvoll ein.
»Ist es aber nicht! Und es hat ja auch nicht lange gedauert, bis du da aufgekreuzt bist. Du hast also auf mich gehört! Es war, als wärst du zu einer Verabredung gekommen. Und das finde ich nun wirklich romantisch.«
Qwert hätte gerne das Thema gewechselt. Mit Jadusa über Gefühle zu reden, war ihm immer noch etwas peinlich. Vielleicht war das die passende Gelegenheit, eine Frage zu stellen, die ihm unter den Nägeln brannte.
»Hast du schon mal etwas von einer Muse gehört?«, fragte er.
»Einer Muse? Was meinst du damit? Diese legendären Wesen, die angeblich Inspirationen verursachen können? Ideen und so? Künstlerische Gedanken? Das ist irgend so ein schräger Mythos, oder?«
»Ich weiß nicht«, antwortete Qwert vorsichtig. »Ich finde es, äh, irgendwie lustig, dass das Wort Muse in Meduse vorkommt. Findest du nicht?«
»Du meinst, Muse ist ein Kofferwort? Stimmt, das ist komisch.« Jadusa lachte bezaubernd. »Du bist ein lustiger Kerl. Du bringst mich zum Lachen. Das hat noch keiner geschafft.«
»Dich hat noch nie jemand zum Lachen gebracht?«
Jadusa überlegte. »Doch, manchmal schon. Wenn ich jemanden versteinere, der mir besonders unangenehm war. Und wenn der dabei Grimassen zieht, aus Panik und Verzweiflung, während er sich langsam in eine Statue verwandelt – dann habe ich manchmal diese total dreckige Lache drauf. Etwa so: Ääähähähähäää!«
Das Gelächter der Meduse, das aus ihrem hässlichen Gesicht zu kommen schien, gellte grässlich in Qwerts Ohren.
»Aber die mag ich selber nicht besonders. Die klingt irgendwie … so unecht.«
»Stimmt!«, bestätigte Qwert schnell. »Das ist kein schönes Lachen. Es wird nicht von Freude verursacht, sondern von Schadenfreude.«
»Ich weiß«, seufzte die Meduse. »Es ist total unbefriedigend.«
»Weil du nicht mit jemandem lachst, sondern über jemanden. Das macht auf Dauer einsam.«
Die Meduse schwieg eine Weile, und auch Qwert fiel momentan kein passender Gesprächsbeitrag ein.
»Ich habe nachgedacht«, sagte Jadusa dann zum dritten Mal.
Qwert wurde langsam etwas unbehaglich bei dieser Bemerkung. Nachdenklichkeit konnte bei einer Meduse zu allem Möglichen führen. »Mit … welchem Ergebnis?«, fragte er vorsichtig.
»Ich möchte nicht mehr so viel allein sein«, antwortete sie und seufzte. »Ich hätte gerne ein bisschen Gesellschaft. Zumindest … vorübergehend. Ich … ich … ich möchte dich mit in mein Nest nehmen. So – jetzt ist es raus!« Sie klang erleichtert.
Nun befanden sie sich wieder auf heiklem Terrain. Jedes unsensibel gewählte Wort, jede falsche Betonung konnte das Gespräch in eine gefährliche Richtung abrutschen lassen. In das Nest der Meduse verbracht zu werden, klang immerhin erstmal besser als plötzlich über Treibstaub abgeworfen oder wieder in eine völlig unberechenbare Gegend verschleppt zu werden, in der ihm alptraumhafte Wesen oder wandelnde Bäume nach dem Leben trachteten. Was ihn in einem Janusmedusennest erwartete, war allerdings ebenfalls ziemlich unvorhersehbar.
»Das ist, äh … eine gute Idee«, sagte er daher so diplomatisch wie möglich.
»Findest du?«, fragte Jadusa. Er glaubte, einen Anflug von Unsicherheit in ihrer Stimme zu hören. »Du … hättest nichts dagegen?«
»Was soll ich denn dagegen haben?«, fragte er zurück. »Wenn mich eine schöne Meduse in ihre Wohnung einlädt?«
Einen Augenblick lang dachte Qwert, er wäre zu weit gegangen. War sein letzter Satz ungebührlich gewesen? Übergriffig? Hatte er ihren Wunsch vielleicht falsch interpretiert? Oder gerade die Schleusen des Infernos geöffnet? Alles war möglich. Jadusa schwieg diesmal besonders lange.
»Das freut mich sehr«, entgegnete sie endlich und beinahe schüchtern. »Es ist schön, dass wir das geklärt haben. Dann machen wir das so! Ich muss nur vorher noch etwas erledigen.«
»Erledigen? Was denn?«
»Oh – ich will nur noch schnell ein kleines Dorf versteinern. Sonst nichts. Ich muss kurz, äh, auftanken.«
»Auftanken?«, fragte Qwert alarmiert. Hatte sie tatsächlich ein kleines Dorf versteinern gesagt? Im Flug war nicht immer alles so gut zu verstehen: das Rauschen der Flügel, der pfeifende Wind.
»Ja, ich brauche neue Energie. Zum Fliegen. Die bekommen wir Janusmedusen am besten vom Versteinern. Ich habe viel Kraft bei der Aktion mit dieser verdammten Riesenpflanze verbraucht. Ist keine große Sache. Ich versteinere ein paar Leute und Kühe und Schafe oder so, und ich bin wieder topfit. Dann geht’s gleich weiter. Du kannst dir solange ein bisschen die Beine vertreten.«
Er hatte sich also nicht verhört. Qwert musste jedes Wort auf die Goldwaage legen. Wie konnte er es verhindern, dass die Meduse ein unschuldiges Dorf versteinerte, ohne dabei manipulativ zu wirken? Bekam er überhaupt eine Chance dazu? Ihm blieb nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Eine Zwischenlandung bot immerhin neue Möglichkeiten.
»Verstehe«, sagte er daher. »Ich, äh, könnte in der Tat ein bisschen Bewegung gebrauchen.«
Jadusa tauchte mit ihrer Fracht in eine Nebelbank ein, sodass Qwert für eine Weile nicht mehr sehen konnte, was sich unter ihnen befand. Er hatte bisher noch nicht herausgefunden, ob das seine Flugangst dämpfte oder steigerte. Daran gewöhnen würde er sich wohl nie.
»Ich habe da schon seit geraumer Zeit Witterung aufgenommen«, rief Jadusa, während sie durch den dünnen Dunst segelten. »Es dürfte ein kleineres Dorf sein, nicht weit von hier. Sie haben Medusenminze angebaut, die rieche ich von weitem. Da kann ich einfach nicht widerstehen. Der Geruch macht mich ganz kribbelig.« Sie kicherte. »Es gibt nichts Belebenderes, als beim Geruch von Medusenminze ein Dorf zu versteinern. Keine Ahnung, wieso! Und eine Supergelegenheit! Heutzutage baut fast niemand mehr Medusenminze an, weil es sich rumgesprochen hat, dass es Medusen anzieht. Du hältst dir dabei besser die Ohren zu. Ich muss meinen Gesang einsetzen, um sie aus den Häusern zu locken. Das wird sich für deine zarten Ohren sicher mehr als gewöhnungsbedürftig anhören. Es klingt ein wenig schrill in den oberen Tonlagen, und du verlierst vorübergehend sämtliche Willenskraft. Es ist wie eine Narkose bei geöffneten Augen. Wenn du wieder zu Verstand kommst, ist alles schon vorbei.«
Verdammt – der Medusengesang! Oyo hatte ihn mal erwähnt, das hatte er fast vergessen. Er würde Qwert keine Chance geben, einen klaren Gedanken zu fassen. Wie sollte er die Meduse überzeugen, das Dorf zu verschonen, wenn sie ihn derart hypnotisierte? Schon der Anblick der versteinerten Dörfler mit ihren Tieren hatte ihn mit unbeschreiblichem Grausen erfüllt – wie sollte es dann erst sein, wenn er dem Akt der Versteinerung als Augenzeuge beiwohnen müsste?
»Hier ist es!«, rief Jadusa fröhlich. Sie verloren schlagartig an Höhe und sanken aus dem Nebelschleier heraus. Tatsächlich – unter ihnen befand sich ein kleines Dorf aus einfachen steinernen Behausungen, mit Feldern voller Grünpflanzen daneben.


